{"id":43,"date":"2016-04-28T06:45:18","date_gmt":"2016-04-28T06:45:18","guid":{"rendered":"http:\/\/hagru.at\/judikatur\/?p=43"},"modified":"2016-05-11T07:16:46","modified_gmt":"2016-05-11T07:16:46","slug":"beurteilung-des-privat-und-familienlebens-art-8-emrk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hagru.at\/judikatur\/?p=43","title":{"rendered":"Beurteilung des Privat- und Familienlebens"},"content":{"rendered":"<p>Die Frage, ob ein gemeinsames Familienleben im Sinne des Art. 8 EMRK vorliegt, ist einzelfallbezogen zu beurteilen. <\/p>\n<p>Der EGMR hat fallbezogen unterschiedliche Kriterien herausgearbeitet, die bei einer solchen Interessenabw\u00e4gung zu beachten sind und als Ergebnis einer Gesamtbetrachtung dazu f\u00fchren k\u00f6nnen, dass Art8 EMRK einer Ausweisung entgegensteht (vgl. dazu VfGH 29.09.2007, B1150\/07): Er hat etwa die Aufenthaltsdauer, die vom EGMR an keine fixen zeitlichen Vorgaben gekn\u00fcpft wird (EGMR 31.1.2006, Fall Rodrigues da Silva und Hoogkamer, Appl. 50.435\/99, \u00d6JZ 2006, 738 = EuGRZ 2006, 562; 16.9.2004, Fall Ghiban, Appl. 11.103\/03, NVwZ 2005, 1046), das tats\u00e4chliche Bestehen eines Familienlebens (EGMR 28.5.1985, Fall Abdulaziz ua., Appl. 9214\/80, 9473\/81, 9474\/81, EuGRZ 1985, 567; 20.6.2002, Fall Al-Nashif, Appl. 50.963\/99, \u00d6JZ 2003, 344; 22.4.1997, Fall X, Y und Z, Appl. 21.830\/93, \u00d6JZ 1998, 271) und dessen Intensit\u00e4t (EGMR 2.8.2001, Fall Boultif, Appl. 54.273\/00), die Schutzw\u00fcrdigkeit des Privatlebens, den Grad der Integration des Fremden, der sich in intensiven Bindungen zu Verwandten und Freunden, der Selbsterhaltungsf\u00e4higkeit, der Schulausbildung, der Berufsausbildung, der Teilnahme am sozialen Leben, der Besch\u00e4ftigung und \u00e4hnlichen Umst\u00e4nden manifestiert (vgl. EGMR 4.10.2001, Fall Adam, Appl. 43.359\/98, EuGRZ 2002, 582; 9.10.2003, Fall Slivenko, Appl. 48.321\/99, EuGRZ 2006, 560; 16.6.2005, Fall Sisojeva, Appl. 60.654\/00, EuGRZ 2006, 554; vgl. auch VwGH 5.7.2005, 2004\/21\/0124; 11.10.2005, 2002\/21\/0124), die Bindungen zum Heimatstaat, die strafgerichtliche Unbescholtenheit, aber auch Verst\u00f6\u00dfe gegen das Einwanderungsrecht und Erfordernisse der \u00f6ffentlichen Ordnung (vgl. zB EGMR 24.11.1998, Fall Mitchell, Appl. 40.447\/98; 11.4.2006, Fall Useinov, Appl. 61.292\/00) f\u00fcr ma\u00dfgeblich erachtet. Auch die Frage, ob das Privat- und Familienleben in einem Zeitpunkt entstand, in dem sich die Beteiligten ihres unsicheren Aufenthaltsstatus bewusst waren, ist bei der Abw\u00e4gung in Betracht zu ziehen (EGMR 24.11.1998, Fall Mitchell, Appl. 40.447\/98; 5.9.2000, Fall Solomon, Appl. 44.328\/98; 31.1.2006, Fall Rodrigues da Silva und Hoogkamer, Appl. 50.435\/99, \u00d6JZ 2006, 738 = EuGRZ 2006, 562).<\/p>\n<p>Bei der Beurteilung nach Art. 8 EMRK ist eine Interessenabw\u00e4gung vorzunehmen, die die belangte Beh\u00f6rde bei Anwendung des \u00a7 11 Abs. 3 NAG vorzunehmen hat. Gem\u00e4\u00df dieser Bestimmung kann ein Aufenthaltstitel trotz Vorliegens bestimmter Erteilungshindernisse sowie trotz Ermangelung bestimmter Voraussetzungen erteilt werden, wenn dies zur Aufrechterhaltung des Privat- und Familienlebens im Sinn des Art. 8 EMRK geboten ist. In diesem Zusammenhang ist festzuhalten, dass der Bindung eines Fremden an einen \u00f6sterreichischen Ehepartner im Rahmen der Abw\u00e4gung nach Art. 8 EMRK gro\u00dfe Bedeutung zukommt (vgl. etwa die hg. Erkenntnisse vom 9. November 2010, 2009\/21\/0031, und vom 21. Februar 2012, 2011\/23\/0275). In einem solchen Fall m\u00fcssen n\u00e4here Feststellungen zu den Lebensverh\u00e4ltnissen des Fremden und seines Ehepartners, insbesondere zu den Wohnverh\u00e4ltnissen, der Art ihrer Besch\u00e4ftigungen und den erzielten Einkommen, aber etwa auch zur Frage der Deutschkenntnisse sowie zu den Bindungen zum Heimatstaat und zur M\u00f6glichkeit und Zumutbarkeit der F\u00fchrung eines Familienlebens au\u00dferhalb \u00d6sterreichs getroffen werden (VwGH 28.03.2012, 2009\/22\/0272).<\/p>\n<p>Der Begriff des &#8218;Familienlebens&#8216; in Art. 8 EMRK setzt daher neben der Verwandtschaft auch andere, engere Bindungen voraus; die Beziehungen m\u00fcssen eine gewisse Intensit\u00e4t aufweisen. So ist etwa darauf abzustellen, ob die betreffenden Personen zusammengelebt haben, ein gemeinsamer Haushalt vorliegt oder ob sie (finanziell) voneinander abh\u00e4ngig sind (vgl. dazu EKMR 6.10.1981, B 9202\/80, EuGRZ 1983, 215; EKMR 14.3.1980, 8986\/80, EuGRZ 1982, 311; ebenso VwGH vom 26.1.2006, 2002\/20\/0423, vgl. auch VwGH vom 8.6.2006, Zl. 2003\/01\/0600-14, oder VwGH vom 26.1.2006, Zl.2002\/20\/0235-9, wo der VwGH im letztgenannten Erkenntnis feststellte, dass das Familienleben zwischen Eltern und minderj\u00e4hrigen Kindern nicht automatisch mit Erreichen der Vollj\u00e4hrigkeit beendet wird, wenn das Kind weiter bei den Eltern lebt). <\/p>\n<p>Der Begriff des Familienlebens ist dar\u00fcber hinaus nicht auf Familien beschr\u00e4nkt, die sich auf eine Heirat gr\u00fcnden, sondern schlie\u00dft auch andere de facto Beziehungen ein; ma\u00dfgebend ist beispielsweise das Zusammenleben eines Paares, die Dauer der Beziehung, die Demonstration der Verbundenheit durch gemeinsame Kinder oder auf andere Weise (EGMR 13.6.1979, Marckx; EGMR 23.04.1997, X). <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frage, ob ein gemeinsames Familienleben im Sinne des Art. 8 EMRK vorliegt, ist einzelfallbezogen zu beurteilen. 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